Selbstführung

Viele Menschen verbinden Selbstführung zuerst einmal mit Disziplin. Meiner Meinung nach ist Selbstführung viel mehr als das!

Diverse Erkenntnisse der Psychologie zeigen deutlich, dass unser Unterbewusstsein einen signifikanten Einfluss auf unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten hat. Daher ist es in der Selbstführung meiner Ansicht nach entscheidend, dass es gelingt, Kopf, Herz und Hand in Einklang zu bringen und die eigenen Ziele nicht nur auf rein kognitiver Ebene zu verfolgen. Doch wie geht das?

 

Die Pluralität des Menschen

Ein wichtiger Aspekt ist die sog. „Herz-Gehirn-Kohärenz“, die ich bereits im Artikel „Das Geheimnis innerer Stärke“ näher beleuchtet habe. Nun möchte ich gerne vertiefen, wie wir unbewusste Vorgänge auf der kognitiven Ebene wahrnehmen, reflektieren und integrieren können. So entsteht eine Kohärenz zwischen dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein und unsere Handlungen werden authentisch, da sie alle Dimensionen unseres Menschseins mit einbinden.

Doch diese inneren Prozesse zu verstehen ist erst einmal keine leichte Aufgabe. Die Psychologie versucht seit vielen Jahren, die psychischen Vorgänge des Menschen zu durchdringen. In einem sind sich diverse Ansätze der Psychologie einig: Der Mensch ist komplex und daher nicht nur eine psychische Einheit. So wie auch ein Atom keine unteilbare Einheit ist, sondern ein komplexes Gebilde aus Hunderten von Teilen, so sind wir auch als Menschen nicht zu 100 % das eine oder das andere. Vielmehr bestehen wir aus vielen unterschiedlichen Persönlichkeitsfacetten, die uns erst zu dem machen, wer wir sind. Durch die unterschiedlichen Persönlichkeitsfacetten ist der innere Dialog ein Wesensmerkmal des Menschen. Wir alle kennen Aussagen wie „Ich sage mir dann selbst…“ oder „Ich habe das tagelang mit mir hin und her diskutiert.“ Auch Zitate wie „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust“ (Hamlet) oder „Ich bin manchmal gar nicht meiner Meinung“ (Woody Allen) verdeutlichen die Pluralität des Menschen. Diese inneren Dialoge laufen in der Regel unterbewusst oder nur „halbbewusst“ ab.

Die innere Pluralität ist grundsätzlich etwas sehr Positives. Sie ist Ausdruck unserer Fähigkeit, in einer komplexen Welt klarzukommen. Denn diese Vielfalt ermöglicht uns unterschiedliche Perspektiven. Zudem können wir je nach Anforderungen aus der Umwelt auf unterschiedlichste innere Ressourcen zurückgreifen.

Klare Kommunikation nach Innen

So sehr diese Pluralität das Potenzial und die Einzigartigkeit des Menschen aufzeigt, so bringen die verschiedenen Facetten doch auch ihre Herausforderungen mit sich. Denn diese diversen Anteile können zu einem inneren Ungleichgewicht führen. So ist die innere Reaktion auf einen Menschen, auf ein Ereignis, auf eine anstehende Entscheidung häufig nicht einheitlich und klar, sondern gemischt, undeutlich, vielfältig, schwankend oder hin- und hergerissen. Unsere innere Pluralität stellt uns somit in der Selbstführung vor die Aufgabe, innere Klarheit herzustellen, um dann auch nach außen klar kommunizieren zu können.

Umgang mit inneren Konflikte

Wenn wir nun über einen längeren Zeitraum hinweg widersprüchliche Impulse, Gedanken und Gefühle in uns haben, führt der innere Dialog zu einem inneren Konflikt, der über Tage, Wochen oder sogar Jahre anhalten kann. Ein innerer Konflikt ist sehr kräftezehrend und führt dazu, dass wir nicht mehr klar nach außen kommunizieren können.

Es geht also in der Selbstführung darum, die unbewussten oder „halbbewussten“ inneren Dialoge ins Bewusstsein zu holen, um sie bewusst zu führen und unter Abwägung der verschiedenen Perspektiven eine fundierte Entscheidung zu treffen. Dann kehrt innerlich wieder Ruhe ein und die Kommunikation nach außen wird klar. So ist es wichtig, die verschiedenen Botschaften in unserem Inneren bewusst wahrzunehmen, zu integrieren und die Synergien zur persönlichen Weiterentwicklung zu nutzen. In diesem Sinne arbeiten wir auf zwei Ebenen: Wir integrieren die Botschaften aus dem Unterbewusstsein und nutzen die Kreativität und Intuition des Unbewussten (Bottom-up-Prinzip). Zugleich steuern wir diese inneren Prozesse durch das bewusste Ich (Top-down-Prinzip).

Das Modell des Inneren Teams (F. Schulz v. Thun)

Wie gesagt sind diese komplexen, inneren Vorgänge selbst durch psychologische Modelle nicht vollumfänglich erklärbar. So hat sich der bekannte Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun eine Metapher zunutze gemacht, um die wenig greifbaren inneren Vorgänge in den Blick zu nehmen und damit auch in den Griff zu bekommen. Er wählte die Metapher des Inneren Teams, um die verschiedenen inneren Positionen zu einem bestimmten Thema zu klären und unter Berücksichtigung der inneren Teammitglieder eine stimmige Entscheidung zu treffen und damit eine klare Kommunikation zu ermöglichen.  

Das Modell des Inneren Teams von F. Schulz von Thun hat sich in meiner Coaching-Praxis sehr bewährt. Immer wieder bin ich fasziniert, wie das innere Team einer jeweiligen Person das innere Erleben widerspiegelt und wie die Auseinandersetzung mit Unbewusstem innere Konflikte auflösen und zu klaren Lösungen führen kann.

Die Arbeit mit dem eigenen inneren Team ist Bestandteil des 2. Moduls „Selbstführung“ des Online – Kurses leaders revived. Zunächst wird das Modell und die wissenschaftlichen Hintergründe erläutert, um dann mithilfe interaktiver Tools einen aktuellen inneren Konflikt aufzulösen und einen konkreten Lösungsweg zu erarbeiten.

 

Literatur:

Schulz von Thun, Friedemann ( 2019): Miteinander reden: 3. Das “Innere Team” und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.

Peichl, Jochen ( 2019): Einführung in die hypnosystemische Teiletherapie. Heidelberg ´: Carl-Auer Systeme Verlag. GmbH.

Watzka, Klaus (2016): Ziele formulieren: Erfolgsvoraussetzungen wirksamer Zielvereinbarungen. Wiesbaden: Springer Gabler.

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